Portraitminiaturen 

Nach den beiden Präsentationen der inzwischen auf über 400 Stück angewachsenen Portraitminiaturen-Sammlung Liaunig, erstmals von 2015 bis 2017, und danach von 2020 bis 2026, mit jeweils wechselndem "Programm", werden nun ab Ende April 2026 sowohl neu erworbene und als auch bisher noch nicht gezeigte Miniaturen in der großzügig angelegten Vitrinenlandschaft im Untergeschoß des Museums vorgestellt. Von den 100 jetzt zu sehenden Exponaten wurden 70 im Katalog Band III wissenschaftlich beschrieben.

Dem 2023 bzw. 2025 verstorbenen Sammlerehepaar Herbert und Eva Liaunig ist diese Ausstellung gewidmet.  

Miniaturen sind meist in der sehr lichtempfindlichen Aquarelltechnik gemalt und werden somit von den wenigsten Museen öffentlich ausgestellt. Den Interessenten werden dort einzelne Stücke nur auf Anfrage in den Studiensälen vorgelegt, wie es zum Beispiel im Louvre und in der Albertina der Fall ist. Dank modernster Museumstechnik ist das Museum Liaunig derzeit eines der wenigen Museen der Welt, und das einzige in Österreich, in dem eine so große Anzahl bedeutender Miniaturen dem interessierten Publikum öffentlich zugänglich gemacht wird.

Portraitminiaturen sind, wie es der Name vermuten lässt, handgemalte Portraits kleinster und allerkleinster Größenordnung, von einer Höhe zwischen weniger als einem Zentimeter bis zu etwa zwanzig/fünfundzwanzig Zentimetern, oder manchmal auch größer. Sie erfüllten seit Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur Zeit der Erfindung und Verbreitung der Photographie Mitte des 19. Jahrhunderts genau deren Aufgabe, nämlich das möglichst ähnliche Bildnis eines geliebten Wesens bei sich tragen zu können, oder auch sich eine Idee vom Äußeren einer Person zu machen, die man noch nicht kennt, aber wohl kennenlernen wird (falls das Aussehen auf Grund der Abbildung schon einmal zusagt). So war bis ins 19. Jahrhundert, weit vor der Zeit des Internet-Datings, der Austausch von Portraitminiaturen die einzige Möglichkeit, vor den meistens arrangierten Heiraten zu überprüfen, wie sich die Brautleute, die sich oftmals nie gesehen hatten, auch gefielen (was schließlich und endlich meistens irrelevant war).

Bei den heutzutage wieder so aktuellen Trennungssituationen von Menschen, die sich nahestehen, vor allem von Paaren und Familienmitgliedern, dienten Portraitminiaturen als Platzhalter für die abwesenden Personen, wie noch heute das Foto im Geldbeutel oder das Selfie auf dem iPhone. Dadurch spielten Miniaturen vor allem zu Krisen- und Kriegszeiten eine bedeutende Rolle. So fällt auf, dass die Miniaturensammlung Liaunig besonders ausdrucksvolle Bildnisse aus der politisch wirren Periode des englischen Bürgerkrieges, zur Zeit Oliver Cromwells, Mitte des 17. Jahrhunderts, enthält, ebenso wie zahlreiche Portraits aus den Jahren der Französischen Revolution und der darauffolgenden Napoleonischen Kriege, zwischen 1790 und 1815.

Die ersten Pultvitrinen der Ausstellung sind raren englischen und französischen Aquarellminiaturen des 17. Jahrhunderts gewidmet. Die schönsten der oft mit Goldmonogrammen signierten britischen Werke stammen von den bekannten Künstlern Peter Oliver, John Hoskins und Samuel Cooper. Erstmals werden auch außerordentlich seltene französische Werke des "Grand Siècle" gezeigt, darunter zwei Bildnisse des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. von Frankreich (1638–1715), porträtiert von seinem Hofminiaturisten Samuel Bernard.

Die darauffolgende Periode des Rokoko ist bestens repräsentiert mit einem Männerbildnis der schon zu ihrer Zeit gefeierten venezianischen Pastell- und Miniaturmalerin Rosalba Carriera (1673–1757). Auch der polnisch-deutsche Allround-Künstler Daniel Chodowiecki (1726–1801) ist erstmals vertreten in der Sammlung, mit einem signierten Doppelbildnis zweier Rokoko-Damen bei der Lektüre. Zu jener Zeit entstanden auch zwei historisch interessante Miniaturen der Sammlung: die eine stellt Elisabeth Christine, "die Braunschweigerin", Mutter der Kaiserin Maria Theresia, dar, in Witwentracht gemalt von Hofmaler Antonio Bencini. Dem kaiserlichen Hofmaler Martin van Meytens zugeschrieben ist das feine Bildnis des Schwagers der Maria Theresia, des Herzogs Karl Alexander von Lothringen.

Nach jahrelangem Suchen konnten endlich Werke der auch am Hofe von Versailles erfolgreichen Schweden Peter Adolf Hall (1739–1793) und Niklas Lafrensen (1737–1807) erworben werden. Lafrensens Bildnis stellt den unglückseligen König Gustav III. von Schweden dar, gemalt 1792, genau dem Jahr seiner grauenhaften Ermordung auf einem Maskenball. Lafrensen hatte seine Wahlheimat Frankreich fluchtartig verlassen, nachdem die Französische Revolution ihn seiner besten Pariser Kunden beraubt hatte – nun sollte er auch seinen schwedischen Mäzen verlieren.

Der Fall des französischen Königtums und die darauffolgenden Kriege der jungen Republik befeuerten die Produktion von Bildnisminiaturen: der Soldat nahm das Portrait seiner Liebsten ins Feld mit und hinterließ seiner Familie das seinige. Besonders kennzeichnend dafür ist das Miniaturenpaar der Brüder Baptiste und Antoine Macips aus Versailles, beide gemalt vom berühmten Jean-Baptiste Isabey (1767–1855) im Jahre 1793. Während der blutjunge Baptiste sich als Freiwilliger in der Revolutionsarmee gemeldet hatte und schon ein Jahr nach Entstehung der Miniatur umkam, überstand sein Bruder Antoine diese dramatischen Jahre. Die durch geradezu permanente Kriege gekennzeichnete Periode der Regierung Kaiser Napoleons von 1804 bis 1815 ist bestens vertreten in der Ausstellung mit signierten Werken von François Dumont, Nicolas-François Dun, Jean-Désiré Muneret und Jean-Pierre Frédéric Barrois.

Die Museumsvitrinen, die der darauffolgenden, eher beschaulichen Zeit des Biedermeiers gewidmet sind, zeigen sowohl französische als auch deutsche und österreichische Bildnisse. Neben Miniaturen des Wiener Star-Miniaturisten Heinrich Friedrich Füger fällt in den "österreichischen" Vitrinen das Bildnis eines vorwurfsvoll dreinblickenden Kindes auf – es handelt sich um den Herzog von Reichstadt (1811–1832), den unglückseligen einzigen Sohn Kaiser Napoleons aus seiner zweiten Ehe mit der Erzherzogin Marie-Louise von Österreich. Gemalt 1821 von Felice Schiavoni während der Quasi-Gefangenschaft des Kindes am Wiener Hof seines Großvaters Kaiser Franz I. von Österreich, galt der Bub für die verzweifelten Anhänger Napoleons I. nach dessen Ableben, als „Kaiser Napoleon II.“ Dieses politische Dilemma sollte durch den frühen Tod des Jungen im Alter von nur 21 Jahren gelöst werden. Er starb 1832 in Schönbrunn an Tuberkulose.

Die gleiche Krankheit beendete das kurze und dennoch durchaus bewegte Leben des Viktor von Metternich (1803–1829), des einzigen überlebenden Sohnes Staatskanzler Metternichs aus dessen erster Ehe. Vom Vater nach Paris zu einem Mini-Job in der Pariser Botschaft als "Attaché" geschickt, fiel Viktor einer notorischen Verführerin zum Opfer. Seine öffentliche, ehebrecherische Beziehung mit der Pariser Skandalnudel Marquise Henriette de Castries, die ihm einen unehelichen Sohn gebar, erschöpfte den jungen Mann. Viktor kehrte nach Wien zurück, wo er sich – schon von der Krankheit gezeichnet – durch Staatskanzler Metternichs Lieblingsminiaturisten, Moritz Michael Daffinger (1790–1849), ein letztes Mal porträtieren ließ. Die Miniatur wurde nach Paris gesendet, wo sie, unbeachtet, in der Familie der Marquise (die sich inzwischen vielerorts mit anderen Männern tröstete) verblieb und fast ein Jahrhundert später aus deren Familienbesitz für die Sammlung Liaunig 2024 erworben wurde.

Die bis zu über vier Jahrhunderte alten Aquarellminiaturen werden dem Besucher unter nur sehr gedämpften Lichtverhältnissen präsentiert, um diese seltenen Schätze auch für zukünftige Besuchergenerationen zu erhalten. Ganz anders dagegen die rund dreißig, meist neu erworbenen und erstmals präsentierten Emailleminiaturen der Sammlung Liaunig.

Vollkommen unempfindlich gegen selbst stärkstes Licht und Temperaturschwankungen, gilt hier die Devise "spot on". Entstanden in Großbritannien, der Schweiz und Deutschland zwischen dem Anfang des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts, stechen hier berühmte Künstlernamen hervor, wie die von Charles Boit, Georg Friedrich Dinglinger, Christian Friedrich Zincke, Jacques Thouron und Henry Bone, dessen 1794 entstandenes Bildnis des 2. Earl Grey die Titelseite des Miniaturenkatalogs Band III ziert. Ein besonderer Stolz der Sammlung sind die fürstlichen sächsisch-polnischen Emailleminiaturen des 18. Jahrhunderts: König August der Starke (1670–1733) ist gleich in drei kleinen, juwelenartigen Portraits vertreten, ebenso wie seine außereheliche Lieblingstochter, die Gräfin Anna Orzelska, und sein Enkelsohn, Kurprinz Friedrich Christian von Sachsen, der 1763 nur 74 Tage lang regieren sollte, bevor er den Pocken zum Opfer fiel.

Dr. Bodo Hofstetter
(Ausstellungskurator)

    

Sammlungspräsentation "Portraitminiaturen III"
Kurator: Bodo Hofstetter
26. April bis 31. Oktober 2026 ∙ Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr
Museum Liaunig ∙ 9155 Neuhaus/Suha 41 ∙ +43 4356 211 15
office@museumliaunig.at ∙ www.museumliaunig.at